Wechseljahre, Schilddrüse oder Eisenmangel?

von Mona Poulev, M.Sc. Ernährungswissenschaften ·

Du bist Anfang bis Mitte 40, ständig müde, die Haare werden dünner, der Schlaf bricht nachts ab, und die Stimmung kippt schneller als früher. Schnell heißt es: Das sind die Wechseljahre. Das kann stimmen. In meinem Coaching sehe ich aber immer wieder, dass hinter genau diesen Beschwerden drei Dinge gleichzeitig stecken: die hormonelle Umstellung der Perimenopause, eine Schilddrüse, die nachlässt, und leere Eisenspeicher. Und diese drei verstärken sich gegenseitig.

Was in der Perimenopause hormonell wirklich passiert

Die Perimenopause beginnt nicht mit sinkendem Östrogen. Sie kann schon Mitte 30 bei noch regelmäßigem Zyklus einsetzen und ist von drei Veränderungen geprägt: Östradiol schwankt und steigt zeitweise sogar stärker an als früher, Progesteron sinkt, weil der Eisprung schwächer wird oder ausbleibt, und die Rückkopplung zwischen Eierstöcken und Gehirn gerät aus dem Takt.[1] In etwa einem Drittel der Zyklen kommt es in der zweiten Zyklushälfte zu einem neuen, ungeplanten Östradiol-Anstieg.[1]

Das erklärt, warum die frühe Perimenopause sich vor allem über den Zyklus zeigt: kürzere oder unregelmäßige Zyklen, stärkere Blutungen, Brustspannen, unruhiger Schlaf vor der Periode, Gereiztheit. Hitzewallungen und Schwitzen sind dagegen typisch für die späte Perimenopause.[2] Weil die Werte von Zyklus zu Zyklus springen, empfiehlt die britische Leitlinie NICE, die Perimenopause bei Frauen über 45 anhand der Beschwerden zu erkennen, nicht per Bluttest.[3] Ein FSH-Wert sagt auch wenig darüber, wie nah die letzte Periode ist.[1]

Was die Schilddrüse in dieser Phase macht

Hashimoto ist die häufigste Ursache einer Schilddrüsenunterfunktion und betrifft Frauen etwa viermal so oft wie Männer; weltweit liegt die Häufigkeit bei Erwachsenen bei rund 7,5 Prozent.[4] Typische Beschwerden einer Unterfunktion sind Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Frieren, Gewichtszunahme, Verstopfung und trockene Haut.[5] Viele davon sind auch Perimenopause-Beschwerden. Sinkendes Östrogen kann die Haut trockener machen, denn Östrogen hält über Kollagen und Talgdrüsen die Feuchtigkeit in der Haut.[18,20] Es wirkt außerdem auf den Darm: Östrogen und Progesteron beeinflussen Darmbewegung, Schmerzempfinden und Darmbarriere. Deshalb können Blähungen, wechselnder Stuhl und Reizdarm-Beschwerden in der Perimenopause neu auftreten oder stärker werden.[19,20]

Dazu kommt ein Messproblem. Das TSH zeigt die Steuerung, nicht, wie viel aktives T3 in den Geweben ankommt. T3 entsteht zum großen Teil erst vor Ort über die Enzyme DIO1 und DIO2, und Stress und Entzündung bremsen diese Umwandlung.[6] Eine Frau in der Perimenopause mit schlechtem Schlaf, hohem Stress und einem TSH von 3 kann deshalb deutlich weniger T3 zur Verfügung haben, als der Befund vermuten lässt. Umgekehrt beeinflusst die Schilddrüse den Zyklus: Über- und Unterfunktion können Zyklusstörungen auslösen.[7]

Warum der Übergang die Eisenspeicher leert

Mit sinkendem Progesteron wird die Gebärmutterschleimhaut stärker aufgebaut, die Blutungen werden länger und stärker. In der US-Studie SWAN berichtete gut ein Drittel der Frauen im Übergang mindestens dreimal von starken Blutungen über drei oder mehr Tage, über drei Viertel mindestens dreimal von Blutungen über zehn Tage oder länger.[8] Jede dieser Blutungen kostet Eisen.

Leere Speicher machen müde, oft lange bevor das Blutbild eine Blutarmut zeigt: In einer randomisierten Studie mit Frauen, die ein normales Hämoglobin, aber ein Ferritin unter 50 µg/l hatten, linderte Eisen die Erschöpfung deutlich stärker als ein Placebo.[9] Frauen mit Haarausfall haben deutlich niedrigere Ferritinwerte, wie eine Metaanalyse aus 36 Studien zeigt.[10]

Der Kreislauf: wie die drei sich gegenseitig verstärken

VerbindungWas passiert
Perimenopause → EisenWeniger Progesteron, stärkere und längere Blutungen, die Speicher leeren sich[1,8]
Eisen → SchilddrüseDas Enzym TPO, mit dem die Schilddrüse Hormone baut, enthält Häm und braucht Eisen; fehlt Eisen, sinkt vor allem das fT4, und das TSH kann steigen[11,21]
Schilddrüse → ZyklusEine Unter- oder Überfunktion kann Zyklusstörungen auslösen[7]
Schlaf und Stress → SchilddrüseSchlafprobleme nehmen im Übergang zu;[12] Stress und Entzündung bremsen die Umwandlung von T4 in T3[6]

Am Ende steht eine Frau, die erschöpft ist, und drei Befunde, die jeder für sich „im Normbereich“ liegen. Deshalb schaue ich nie nur auf einen Bereich.

Welche Beschwerde wohin zeigen kann

HinweisPerimenopauseSchilddrüseEisenmangel
Zyklus kürzer, unregelmäßig, Blutung stärkertypisch, früh[1]möglich[7]Folge, nicht Ursache
Hitzewallungen, nächtliches Schwitzentypisch, spät[2]eher bei Überfunktionnein
Erschöpfung trotz Schlafüber schlechten Schlaf[12]typisch[5]typisch[9]
Haare werden dünnermöglichmöglichbelegter Zusammenhang[10]
Frierenseltentypisch[5]möglich
Trockene Hautmöglich, sinkendes Östrogen[18,20]typisch[5]–
Blähungen, Verstopfung, Reizdarm-Beschwerdenmöglich, Östrogen und Progesteron wirken auf den Darm[19,20]Verstopfung typisch[5]–
Schlaf vor der Periode gestörttypisch[1]möglichselten

Hinweise, keine Diagnose. Eine Diagnose stellt immer deine Ärztin oder dein Arzt.

Die Werte, die Klarheit bringen

WertLaborreferenz (Beispiel)Einordnung
Ferritin (mit CRP)ca. 10–150 µg/lunter 30 µg/l Eisenmangel gesichert;[13] ab 100 µg/l bei sonst Gesunden unwahrscheinlich (DEGAM, IMD Berlin)[14,22]
Transferrinsättigung15–45 %meine Orientierung 25–35 %
TSH0,22–4,46 mIU/lüber 95 % der Schilddrüsengesunden unter 2,5;[15] meine Orientierung unter 1,5
fT3, fT42,3–4,2 pg/ml · 0,9–1,7 ng/dlfT3 über 3,0 pg/ml, fT4 1,1–1,4 ng/dl
TPO- und Tg-Antikörperunter 35 bzw. 20 IU/mljede Erhöhung ernst nehmen[16]
Zyklushormonezyklusabhängigüber 45 nicht zur Diagnose der Perimenopause;[3] im Coaching nur für gezielte Fragen, zum Beispiel Progesteron in der zweiten Zyklushälfte

Laborreferenz: typische Beispielwerte, je nach Labor verschieden. Funktionelle Orientierung: Erfahrungswerte aus funktioneller Medizin und meinem Coaching, keine offiziellen Normwerte.

Dazu gehört ein Zyklustagebuch über mindestens drei Monate: Zykluslänge, Blutungstage, Blutungsstärke, Schlaf, Stimmung. Es sagt in der Perimenopause oft mehr als jeder einzelne Blutwert.

Muster, die ich im Coaching häufig sehe

MusterTypische BefundeWas dahinterstecken kann
Starke Blutungen, erschöpft, Haare dünnFerritin unter 50 µg/l, Hämoglobin normalEisenmangel durch die Perimenopause
Müde, frierend, „Werte normal“TSH 2,5 bis Laborgrenze, fT3 im unteren Drittel, TPO-Antikörper erhöhtbeginnende Hashimoto-Thyreoiditis, verstärkt durch leere Speicher
Unruhiger Schlaf vor der Periode, gereiztkürzere Zyklen, Progesteron in der zweiten Zyklushälfte niedrigfrühe Perimenopause
Alles zusammengrenzwertiges Ferritin, TSH über 2,5, Zyklusveränderungender Kreislauf aus allen drei Bereichen

Muster sind Hinweise aus meiner Coaching-Erfahrung, keine Diagnosen.

Was du jetzt tun kannst

  1. Zyklustagebuch führen, mindestens drei Monate.
  2. Die drei Bereiche gemeinsam prüfen lassen: Ferritin mit Transferrinsättigung und CRP, TSH, fT3, fT4 und Antikörper.
  3. Alte Befunde sammeln. Verläufe sagen mehr als ein einzelner Wert.
  4. Kein Eisen auf Verdacht. Erst messen; zu viel Eisen kann schaden.[17]
  5. Medikamente nur mit Rücksprache ändern, auch Schilddrüsenhormone.

Wenn du nicht weißt, wo du anfangen sollst

Häufige Fragen

Kann ich Wechseljahre und Hashimoto gleichzeitig haben?

Ja. Beides ist bei Frauen häufig und schließt sich nicht aus. Hashimoto betrifft Frauen etwa viermal so oft wie Männer.[4] Starke Blutungen im Übergang leeren zudem die Eisenspeicher, die die Schilddrüse für die Hormonbildung braucht.[8,11]

Sind Hitzewallungen ein frühes Zeichen der Wechseljahre?

Eher nicht. Die frühe Perimenopause zeigt sich vor allem über Zyklusveränderungen, stärkere Blutungen und Schlafprobleme vor der Periode.[1] Hitzewallungen und Schwitzen sind typisch für die späte Perimenopause.[2]

Welcher Ferritinwert ist bei Frauen optimal?

Einen offiziellen Optimalwert gibt es nicht. Unter 30 µg/l liegt nach Expertenkonsens ein Eisenmangel vor.[13] Ich orientiere mich an den Entscheidungsgrenzen des Labors IMD Berlin: Ab 100 µg/l ist ein Eisenmangel bei sonst Gesunden unwahrscheinlich, gemessen bei niedrigem CRP.[14,22]

Kann Eisenmangel die Schilddrüse beeinflussen?

Ja. Das Enzym TPO, das die Schilddrüse für die Hormonbildung braucht, enthält Häm und ist eisenabhängig.[11] Fehlt Eisen, sinkt vor allem das fT4, und das TSH kann steigen.[21]

Weiterlesen

Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Diagnosen stellt deine Ärztin oder dein Arzt; Änderungen an Medikamenten gehören in ärztliche Hand.

Quellen

  1. Prior JC, Hitchcock CL. The endocrinology of perimenopause: need for a paradigm shift. Front Biosci (Schol Ed) 2011;3:474–486. doi.org/10.2741/s166 · Übersichtsarbeit
  2. Harlow SD et al. Executive summary of the Stages of Reproductive Aging Workshop + 10: addressing the unfinished agenda of staging reproductive aging. J Clin Endocrinol Metab 2012;97:1159–1168. doi.org/10.1210/jc.2011-3362 · Konsensus (STRAW+10)
  3. National Institute for Health and Care Excellence (NICE). Menopause: identification and management. NICE Guideline NG23, Abschnitt 1.1 und 1.3. nice.org.uk/guidance/ng23 · Leitlinie (UK)
  4. Hu X et al. Global prevalence and epidemiological trends of Hashimoto’s thyroiditis in adults: a systematic review and meta-analysis. Front Public Health 2022;10:1020709. doi.org/10.3389/fpubh.2022.1020709 · Metaanalyse
  5. Chaker L, Bianco AC, Jonklaas J, Peeters RP. Hypothyroidism. Lancet 2017;390:1550–1562. doi.org/10.1016/S0140-6736(17)30703-1 · Übersichtsarbeit
  6. Sabatino L et al. Deiodinases and the three types of thyroid hormone deiodination reactions. Endocrinol Metab (Seoul) 2021;36:952–964. doi.org/10.3803/EnM.2021.1198 · Übersichtsarbeit
  7. Krassas GE, Poppe K, Glinoer D. Thyroid function and human reproductive health. Endocr Rev 2010;31:702–755. doi.org/10.1210/er.2009-0041 · Übersichtsarbeit
  8. Paramsothy P et al. Bleeding patterns during the menopausal transition in the Study of Women’s Health Across the Nation (SWAN). BJOG 2014;121:1564–1573. doi.org/10.1111/1471-0528.12768 · Prospektive Kohortenstudie (n = 1.320)
  9. Vaucher P et al. Effect of iron supplementation on fatigue in nonanemic menstruating women with low ferritin: a randomized controlled trial. CMAJ 2012;184:1247–1254. doi.org/10.1503/cmaj.110950 · RCT (n = 198)
  10. Treister-Goltzman Y, Yarza S, Peleg R. Iron deficiency and nonscarring alopecia in women: systematic review and meta-analysis. Skin Appendage Disord 2022;8:83–92. doi.org/10.1159/000519952 · Metaanalyse (36 Studien, n = 10.029)
  11. Zimmermann MB, Köhrle J. The impact of iron and selenium deficiencies on iodine and thyroid metabolism. Thyroid 2002;12:867–878. doi.org/10.1089/105072502761016494 · Übersichtsarbeit
  12. Kravitz HM et al. Sleep disturbance during the menopausal transition in a multi-ethnic community sample of women (SWAN). Sleep 2008;31:979–990. · Längsschnittstudie (n = 3.045)
  13. Naveed K et al. Defining ferritin clinical decision limits to improve diagnosis and treatment of iron deficiency: a modified Delphi study. Int J Lab Hematol 2023;45:377–386. doi.org/10.1111/ijlh.14016 · Delphi-Expertenkonsens
  14. DEGAM: S3-Leitlinie Müdigkeit. AWMF-Reg.-Nr. 053-002, Fassung 2023-01, Langfassung (Empfehlung 5.3.1; Abschnitte 4.2.1, 4.2.5, 4.2.6). register.awmf.org · Leitlinie (DE)
  15. Wartofsky L, Dickey RA. The evidence for a narrower thyrotropin reference range is compelling. J Clin Endocrinol Metab 2005;90:5483–5488. doi.org/10.1210/jc.2005-0455 · Übersichtsarbeit
  16. Vanderpump MP et al. The incidence of thyroid disorders in the community: a twenty-year follow-up of the Whickham Survey. Clin Endocrinol 1995;43:55–68. doi.org/10.1111/j.1365-2265.1995.tb01894.x · Kohortenstudie
  17. Trost LB, Bergfeld WF, Calogeras E. The diagnosis and treatment of iron deficiency and its potential relationship to hair loss. J Am Acad Dermatol 2006;54:824–844. doi.org/10.1016/j.jaad.2005.11.1104 · Übersichtsarbeit
  18. Thornton MJ. Estrogens and aging skin. Dermatoendocrinol 2013;5:264–270. doi.org/10.4161/derm.23872 · Übersichtsarbeit
  19. Mulak A, Taché Y, Larauche M. Sex hormones in the modulation of irritable bowel syndrome. World J Gastroenterol 2014;20:2433–2448. doi.org/10.3748/wjg.v20.i10.2433 · Übersichtsarbeit
  20. Poulev M. Das unsichtbare Jahrzehnt. 2026; Kapitel 22 (Haut, Haare, Nägel, S. 133–138) und Kapitel 28 (Magen-Darm, S. 169–172) · Fachbuch
  21. Garofalo V et al. Relationship between iron deficiency and thyroid function: a systematic review and meta-analysis. Nutrients 2023;15:4790. doi.org/10.3390/nu15224790 · Metaanalyse (10 Querschnittstudien)
  22. IMD Institut für Medizinische Diagnostik Berlin-Potsdam. Ferritin bei Eisenmangel und Eisenmangelanämie: Neue Entscheidungsgrenzen ermöglichen eine differenziertere Beurteilung. Diagnostik-Information Nr. 400, Version 1. imd-berlin.de · Laborinformation
Mona Poulev

Geschrieben von

Mona Poulev

Expertin für Frauengesundheit, M.Sc. Ernährungswissenschaften. Über 15 Jahre Erfahrung, mehr als 1.000 Frauen gecoacht. Autorin von »Das unsichtbare Jahrzehnt«. Mehr über Mona

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